Vom Accordion zum Akkordeondie Emanzipation eines Konzertinstruments

von Ralf Kaupenjohann


Fast unbemerkt von der Öffentlichkeit hat sich im Bereich des Akkordeons in den letzten dreißig Jahren ein Wandel vollzogen: Während das traditionelle Standardbaßakkordeon mit seinen festgelegten Akkorden und den wenigen Baßtönen auf der linken Seite des Instruments einen mehr oder weniger festen Platz in der Popularmusik hat, wurde es im Konzertsaal ausnahmslos vom Einzeltonakkordeon verdrängt. Denn nur dieser Instrumententyp mit seinem mehrere Oktaven umfassen den Einzeltonmanual auf der Baßseite bietet die Voraussetzungen, die ein Instrument erfüllen muß, um allen musikalischen Erfordernissen gerecht werden zu können.


Die Erfindung eines Musikspielzeugs
1829 erhielt der Wiener Instrumentenbauer Cyrill Demian ein Patent auf ein Handbalginstrument mit durchschlagenden Zungen. Er nannte es "Accordion" und wies mit diesem Kunstwort auf eine wesentliche technische Eigenschaft des Instruments hin: die Möglichkeit, mit geringem spieltechnischen Aufwand Begleitakkorde zu einer Melodie erklingen zu lassen - eine Eigenschaft, von der sich das Akkordeon trotz seines Namens auf dem Weg zum Konzertinstrument mehr und mehr lösen mußte.


Die englische Concertina
Unbeeinflußt von der Konzeption des Demianschen "Accordions" entwickelte der englische Physiker Charles Wheatstone im selben Jahr mit seiner "Concertina" das erste einzel- und gleichtönige Handbalginstrument mit durchschlagenden Zungen. In der ersten Mitte des 19. Jahrhunderts spielte dieses Instrument im englischen Musikleben eine nicht zu unterschätzende Rolle. Es entstanden Kompositionen für die Concertina von Sir Julius Benedict, Bernhard Molique und Giulio Regondi.


Das Bandonion
Schon Ende des 19. Jahrhunderts versuchten Instrumentenbauer, die gekoppelten Akkorde der Baßseite des Demianschen Instruments aufzulockern. Ohne zunächst die Bezeichnung "Akkordeon" zu ändern, wurde u.a. vom Krefelder Instrumentenhändler Heinrich Band eine wechseltönige Disposition gefunden, die für beide Hände Einzeltöne vorsah, aber auf der linken Seite für das akkordische Spiel zugeschnitten war und auf der rechten Seite für das melodische. Zwar fanden diese Instrumente in Deutschland eine große Verbreitung, es fehlten jedoch entscheidende Impulse, das künstlerische und spieltechnische Niveau anzuheben. In Argentinien wurde das dorthin exportierte Instrument bis heute zum charakteristischen Merkmal der Tangomusik. Die führenden argentinischen "Bandoneonisten" Juan-José Mosalini, Dino Saluzzi und der 1992 verstorbene Begründer des "Tango Nuevo", Astor Piazzolla, führten ihr Instrument spieltechnisch und kompositorisch auf ein Niveau, das die deutsche Spielerschaft nie erreichen konnte.


Die Entwicklung zum Standardbaßakkordeon
Das "Accordion" auf dem europäischen Festland konnte in den Anfangsjahren lediglich als musikalisches Spielzeug zu einer großen Verbreitung gelangen. Bis zum Ende des 19. Jahrhunderts wurde es technisch verbessert und in seiner Gesamtkonzeption stetig weiterentwickelt (Einführung der Gleichtönigkeit, Entwicklung der chromatischen Knopftastatur, Aufbau der Baßseite zum heutigen Standardbaßsystem). Zu Beginn unseres Jahrhunderts kann die Konzeption des Standardbaßakkordeons, das mittlerweile mit einer Pianotastatur auf der rechten Seite eine starke Verbreitung gefunden hat, als abgeschlossen betrachtet werden.


Die frühen Versuche Gagliardis
Gleichzeitig versuchten Musiker und durch sie angeregte Instrumentenbauer, die starre Kopplung der Baßseite des Akkordeons durch eine Einzeltonanlage des Baßmanuals aufzulösen. Die erste ausgearbeitete Konzeption legte Giovanni Gagliardi bereits 1911 in Paris vor. Er forderte ein Einzeltonakkordeon, das für beide Hände ein gleiches, mit allen fünf Fingern spielbares Knopfmanual haben sollte. Seine Ideen, die auch heute noch wegen ihrer Modernität bestechen, blieben jedoch über Jahrzehnte ebenso unberücksichtigt wie die Entwicklung der englischen Concertina.


Die Entwicklung der Originalliteratur für das Standardbaßakkordeon
Die spieltechnische und pädagogische Entwicklung des Standardbaßakkordeons begann in den dreißiger Jahren, angeregt und gefördert durch die Trossinger Industrie. Hugo Herrmann und Hermann Zilcher schrieben die ersten Originalkompositionen für das Standardbaßakkordeon. Während des Krieges wurden Komponisten der Stuttgarter Musikhochschule nach Trossingen, dem Sitz des damals bedeutendsten deutschen Akkordeonherstellers, evakuiert. Nach 1945 konnten vor allem sie für eine Auseinandersetzung mit dem Akkordeon gewonnen werden. Mit Kompositionen von Ernst-Lothar von Knorr und vor allem Hans Brehme wurde für die Akkordeonisten ein beachtliches spieltechnisches und kompositorisches Niveau erreicht, die begrenzten technischen und musikalischen Mittel dieses Instruments waren jedoch ausgereizt.


Die erste Solokomposition für das Einzeltonakkordeon
Brehme setzte mit seiner "Paganiniana" nicht nur einen Schlußstrich unter die Entwicklung der Literatur für das Standardbaßakkordeon, sondern zeigte auch erstmals Wege für eine weitere künstlerische Entwicklung des Akkordeons auf, indem er für einige Sätze seines Variationszyklus ausdrücklich ein Instrument mit Einzeltonmanual auf der Baßseite vorschreibt. Die Anordnung dieses Einzeltonmanuals orientiert sich an der Knopftastatur der Diskantseite. Bautechnisch jedoch wurden die Maße und Mensuren von der Standardbaßanlage übernommen - ein Problem, das erst in der heutigen Zeit erkannt und heftig diskutiert wird.


Die skandinavischen Einflüsse
Diese Hinwendung zum Einzeltonakkordeon erhielt in den sechziger Jahren durch den dänischen Akkordeonisten Mogens Ellegaard neue entscheidende Impulse. Er veranlaßte zahlreiche skandinavische Komponisten (vor allem Torbjörn Iwan Lundquist, aber auch Vagn Holmboe, Arne Nordheim, Per Nørgard, Ole Schmidt u. a.) Solo- und Kammermusik für das Einzeltonakkordeon zu schreiben, etablierte im Laufe der Zeit das Akkordeon an wichtigen skandinavischen Musikhochschulen und nicht zuletzt durch ihn wurde die Knopftastatur auf der Diskantseite beim Akkordeon immer mehr bevorzugt.


Die aktuelle Situation
Konzertierende Künstler wie Teodoro Anzellotti, Stefan Hussong, Ivan Koval, Mie Miki, Elsbeth Moser, Hugo Noth unterrichteten heute an verschiedenen Hochschulen eine neue Akkordeonistengeneration. Sie haben sich musikalisch vom Standardbaßakkordeon weit entfernt, auch wenn instrumentenbaulich dieser Schritt bisher noch nicht vollzogen wurde: Das Standardbaßmanual ist immer noch fester oder umschaltbarer Bestandteil der Baßseite ihrer Instrumente. Entscheidender als derartige, von außen kaum wahrnehmbare Inkonsequenzen ist aber, daß durch die intensive Zusammenarbeit mit vielen Komponisten im In- und Ausland (Berio, Denissov, Gubaidulina, Huber, Kagel, Yun, Riehm u.a.), durch die Integration des Akkordeons in den Reigen der etablierten Instrumente an den Ausbildungsstätten und durch die Akzeptanz des Akkordeons als gleichberechtigter Kammermusikpartner die spieltechnischen, interpretatorischen und auch intellektuellen Anforderungen an die Spieler erheblich gestiegen sind. Das erreichte Niveau kann seit einigen Jahren mit dem anderer Instrumente konkurrieren, wie Konzertprogramme bei allen wichtigen Festivals der Neuen Musik und beispielshafte CD-Einspielungen der vorgenannten Interpretinnen und Interpreten belegen. Das Akkordeon ist zu einem beliebten Ausdrucksmittel der Neuen Musik geworden.